Die Glücklichen

Heute früh im Parque de la Salud haben wir einen wunderschönen Kolibri beobachtet. Das sind kleine flinke Vögelchen, die – so sollte man annehmen – keinem etwas zuleide tun und Opfer gefräßiger Greifvögel werden können. In der Tat verbrachte dieses liebe Vögelchen aber 5 Minuten damit, zwei andere brutal zu bekämpfen, beiseite zu stoßen und „seine“ Blüte zu behaupten. Die wunderbaren bunten Tucanos sind für ihren Appetit auf die Eier aus fremden Nestern bekannt. Eine Biologin, die wir letztens kennen gelernt haben, erwähnte, dass Schmetterlinge sich in Kuhfladen sauwohl fühlen – zur Entzauberung und Enttäuschung von Gl. Jetzt fehlt nur noch, dass ihr jemand sagt, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt – und diejenigen, die man sieht, eher unglücklich sind. Müssen wir diese Informationen wirklich haben? Und auf Facebook habe ich mitbekommen, wie sich Ehepaar Schneider mit Ehepaar Silvera offenbar im Café de Acá getroffen haben und Frau Scheider Herrn Silvera gefragt hat, ob ihm eigentlich schon jemand von der Affäre seiner Frau mit Herrn Schneider erzählt habe. Muss ich diese Information haben – ganz zu schweigen von den Sportlern im Parque de la Salud, die nebenbei lautstark am Handy ihren Geschäften nachgehen? Wenn man den Park betritt und verlässt, wird die Nummer des paraguayischen Personalausweises aufgeschrieben. Diese braucht man auch auf der Bank, wenn man irgendwo eine Wartenummer zieht oder ein Gebäude vertritt. In Zeiten von Big Data und Blockchain und Google und Wikipedia geht es wohl weniger darum, wo man wie Informationen und Wissen bekommt und wie man dieses filtert oder in Wert setzt, sondern eher darum, wie man bestimmte Informationen und Wissen nicht erhält und in seiner Ignoranz einfach weiter glücklich vor sich hin leben kann. In diesem Sinne wird es zwar eine EU-Kommission geben, die die Präsidentschaftswahlen hier in Paraguay im nächsten Jahr beobachten wird. Die Vorwahlen in den Parteien, insbesondere der mächtigen Colorado-Partei, in denen der Präsidentschaftskandidat gekürt – und vorher ausgehandelt wird – werden hingegen links liegen gelassen.

Weihnachtsfieber

es geht langsam in die Zielgerade. Am 8 Dezember muss Paraguay noch die Prozesssion zur Heiligen von Caacupe und am 17. die Vorwahlen zu den Präsidentschaftswahlen überstehen und dann geht es in die Festzeit mit der Familie. Es wird vor verstärkten Überfällen gewarnt, weil im Dezember alle mit viel Bargeld in der Tasche herumlaufen. Die Plastikautos im Shopping del Sol werden aber sicher nicht bar bezahlt:

Comunicación

Se comunica para lo que hubiere lugar cuanto sigue: Se recibió del Ministerio de Turismo y Ciencias, específicamente de la Dirección de Gabinete Técnico, una nota mediante la cual se brinda una respuesta a la solicitud de la oTuido Ltda. que hace referencia a un pedido de reunión para compartir los avances de la implementación del Sistema Nacional de oTuido con el Señor Ministro de Ciencia, Don Franzisco Obero, la cual ha sido concedida para el día lunes 10 de octubre de 2017, a las 10.30 horas en el salón de reuniones de la sede Ministerial.

En ese sentido, la Junta de oTuido, resolvió en sesión de fecha 03 de noviembre de 2017 según consta en Acta N° 854, posponer la asistencia a la convocatoria y solicitar una nueva fecha de audiencia, que será comunicada al área, debido a que la misma coincide con una reunión fijada previamente con representantes de oTuido Internacional, previa a la Asamblea General de la Asociación Central oTuidismo a llevarse a cabo los próximos días en Miami, USA.

Wissbegier

Nach 4 Wochen in Europa zurück in Paraguay: Hier hat in der Zeit offenbar jemand auf die Pause-Taste gedrückt. Nun ja, manchmal sprechen mich wildfremde Menschen hier  an, wo ich denn herkommen würde. Das nervt manchmal, ist aber andererseits auch ein Zeichen, dass ich bemerkt werde und man sich für mich interessiert. Ein Phänomen, dass man in vielen Ländern erlebt, in denen es wenig Ausländer und wenig Kontakt mit Fremden gibt. Paraguay – eine Insel umgeben von Land – ist ein solches Beispiel. Allerdings erlahmt das Interesse recht schnell. Ich erinnere mich, dass mein Vater immer neugierig war und mit Ausländern ziemlich unbedarft umging. Freilich sprach er keine Fremdsprachen und gelangte insofern schnell an Grenzen. Etwas Neues zu erfahren und dazuzulernen gehörte in meiner Familie aber immer zum Standard. Das erlebe ich hier anders. Viele Menschen, denen ich begegne, verschwenden schlicht keinen Gedanken daran, dass man über die Grenze nach Argentinien oder Brasilien fahren und dort Neues erfahren könnte. Auch daran die eingefahrenen Wege innerhalb des Landes zu verlassen besteht oft kein Interesse. Dafür pflegt man bestehende Beziehungen und legt Wert darauf, über Neues in der Cooperativa Buen Honda in Caapzuke und von Tante Rocío Mirtha Maria zu erfahren. Es ist so, als ob man die Erfahrung, dass die Erkundung von Neuem oft mit Gefahren verbunden ist, verinnerlicht hat, kulturell pflegt und dabei ignoriert, dass dies auch Chancen eröffnen kann. Man bietet beispielsweise lieber immer das gleiche Produkt an und sagt einfach nein, wenn ein Kunde etwas Neues möchte.  Asi no mas. Man weiß ja nicht, wo das hinführt und es könnte in einem Durcheinander enden. Es würde mich interessieren, ob Neugier etwas mit Glücksempfinden zu tun hat. Ich bemerke einen Mangel an Neugier hier und das scheinen mir genau die Menschen zu sein, die in sich ruhen und glücklich sind. Am Samstag nahm ich an einer Fortbildung teil – sowas findet immer Samstags oder Abends statt. Der Dozent hatte keine Ahnung, wovon er sprach, hatte einfach 10 Seiten aus einem Lehrbuch auf Powerpoint kopiert, las das schnell vor, hatte keine Fotokopien oder überhaupt irgendwelche Materialien, gab stattdessen dann den Teilnehmern viel Zeit, sich zu unterhalten. Man freute sich, die Kollegen zu treffen, aß Empanadas, erzählte, wie lange man schon im Sektor arbeitet und den Gedanken, dass man die Theorie irgendwie auf das eigene Leben beziehen oder beruflich nutzen könnte, ließ man weit weg liegen. Die Begierde, etwas Neues zu erfahren, brachte nichts durcheinander, spielte einfach keine Rolle. Man ging nach 4 Stunden wieder auseinander und alle waren offensichtlich zufrieden. Schließlich sind einige Stunden Fortbildung verpflichtend und wieso soll man sich deshalb Stress machen.

Schritt zurück

Neulich im Bus fragte mich mein Kollege Ariel, ob das stimme, dass es in Deutschland Homosexuelle gäbe. Auf meine Antwort, dass das kein Problem sei und wir sogar einmal einen schwulen Außenminister und einen homosexuellen Bürgermeister in Berlin gehabt hätte, rollte er die Augen. Nein, hier sei die Welt noch in Ordnung. Was sollte ich dazu sagen? Ganz offiziell hat der Bildungsminister und Rechtsanwalt Enrique Riera aus den Schulen die Bücher und Lehrmaterialien entfernen lassen, die der „ideología de género“, also der „Gender-Ideologie“ frönen würden. Das sei die Meinung der Nationalen Verfassung und auch seine persönliche Haltung. Diese Ideologie dürfe auf keinen Fall schon den Kindern eingeimpft werden, da die Ehe „von Mann und Frau“ grundlegend „für die Bildung einer Familie“ sei. Die Vorgängerregierung, die entsprechende Lehrmaterialien hatte einführen lassen, hätte insofern gegen die Verfassung gehandelt.

Flexibilität

„Es ist immer noch ein Kulturschock.“ meinte Carlito, ein Musiker aus Venezuela, den es der Liebe wegen an den Rhein verschlagen hatte. „Die Deutschen sind unglaublich organisiert. Wenn das Konzert beginnt, steht die Technik. Alles wurde gecheckt und es kann losgehen. Noch imponierender ist, dass der Abbau sofort beginnt. Alle folgen einem Plan, den ich nicht kenne. Jeder scheint zu wissen, was er tun muss und es wird tatsächlich alles eingepackt, sodass man alles am nächsten Tag für das nächste Konzert am nächsten Ort wiederfindet. Es wird selten etwas vergessen. Aber das Konzert selbst verläuft dann eben auch entsprechend. Deutsche Musiker tun sich schwer mit Improvisationen. Kreativität folgt eben keinem Plan. Ich habe auch nach 2 Jahren noch Probleme, mich anzupassen und bewundere gleichzeitig, dieses Planungstalent.“

In der Tat bediene ich hier in Asunción des Öfteren das Klischee des deutschen unflexiblen Quadratkopfes: „Wir sollten das erst einmal planen. Wir brauchen eine Strategie, bevor wir losmarschieren.“ sage ich und die Antwort lautet: „Du sagst immer nur, das geht nicht! Warum soll das nicht gehen? Wir haben für nächsten Dienstag die Presse eingeladen und dann stellen wir das vor.“ Und in der Tat „geht“ das dann irgendwie doch. Man improvisiert, wechselt im letzten Moment den Lieferanten, schiebt Probleme, die sich aus der Improvisation systemisch ergeben und dann für Jahre immer wieder auftauchen könnten, einfach vom Tisch. „Probleme? Das gibt es in Deutschland. Wir haben hier keine Probleme. Wir kennen uns.“ Auf den ersten Blick steht daher der deutschen Unflexibilität, Pingeligkeit und Besserwisserei das Organisations- und Improvisationstalent der Paraguayer gegenüber, die am Ergebnis, an den „avances“ interessiert sind und nicht an „Prozessen“. Beim Projektmanagement konzentriert man sich auf die Meilensteine und die Aufgaben lösen sich dann von selbst. Auf den zweiten Blick ist das freilich etwas vielschichtiger. Margaretha beispielsweise betreibt neben ihrer Tätigkeit als Architektin einen Großhandel mit Baumaterialen. „Es kommt oft vor“, sagt sie, „dass ich ein Geschäft verliere, weil die Baufirmen oder Architekten keine zeitliche Flexibilität mehr haben. Neulich kam ein alter Kunde und wollte Fliesen kaufen. Ich hatte auch genau die Muster und die Qualität, die er suchte. Es passte super. Ich importiere die aus Brasilien. Er brauchte aber 60 Stück und ich hatte nur 40 auf Lager. Kein Problem, sagte ich. Wenn ich heute bestelle, sind die fehlenden 20 in drei Tagen hier. Geht nicht, antwortete er: Wir brauchen die morgen. Übermorgen ist die Einweihungsparty. Er hatte einfach überhaupt nicht vorausgeplant. Es wäre für mich kein Problem gewesen, die Steine zu besorgen. Er ist dann zu einem anderen gegangen und hat Platten gekauft, die eigentlich farblich nicht passen, aber in der erforderlichen Stückzahl sofort lieferbar waren. Das ist für mich ein typisches Problem, durch das ich oft Umsatz verliere, weil ich natürlich nicht alles auf Lager haben kann.“

Ich selbst habe in den letzten Wochen Webdesigner und Webentwickler gesucht. Ich möchte mit WordPress und bestimmten Plugins arbeiten. Die Antwort lautete immer: „Wir machen das mit php.“ Dahinter versteckt sich in der Regel ein Template, dass sie den Kunden einfach immer als Eigenentwicklung verkaufen. Und es heißt dann faktisch: Take it or leave it. Warum sollte man sich die Mühe machen, etwas dazuzulernen. Das Angebot ist doch gut genug. Der Kunde soll sich doch bitte damit begnügen, was man liefert.

Für eine Party hat Gl. ein paar Hocker und einen Tisch gemietet. Als sie nach langer Suche, endlich eine kleine Firma gefunden hatte, stellt sich heraus, dass das im Paket kommt. Lieferung und Abholung sind inklusive und kosten 200.000 Gs. „Ja gut, sagt sie, aber es ist nicht viel. Ich kann das selbst transportieren.“ „Das geht nicht. Wir wissen ja sonst nicht, wohin das geht und wir kennen sie nicht.“ „Das verstehe ich.“ sagte Gl., „dann gebe ich Ihnen einfach eine Kaution zu ihrer Sicherheit und sie zahlen mir das zurück, wenn ich die Sachen zurückbringe.“ Er schaute sie wie vom Donner gerührt an und nach einer Weile antwortete er: „Wir machen das immer so. Es geht nicht anders.“  Neue Wege zu gehen, das fällt den meisten Paraguayern schwer. Außerdem muss man immer und für jede Kleinigkeit den Chef fragen, denn etwas zu entscheiden, dazu hat man normalerweise nicht das Mandat. Die paraguayische Flexibilität findet insofern allzu oft in zwei Umständen ihre Grenze: unternehmerisch zu denken und zweitens den Hierarchien.

Gestern Abend wollten wir ein Bossa Nova-Konzert in einem Kaffeehaus besuchen. Es war für 22.00 Uhr angekündigt. Bis 22.30 Uhr waren offenbar auch alle Musiker eingetrudelt. Dann wurde ewig herumprobiert und überlegt, wie man sich aufstellen könnte und irgendwann nach elf sind wir dann gegangen. Wir waren flexibel genug, auf das Konzert zu verzichten.