Zermürbung

Am Wochenende waren wir in Ybycui. Das ist ein landschaftlich schöner Nationalpark mit kleinen Wasserfällen nur ca. 120 km von Asunción entfernt. Nichts besonders Aufregendes, aber gut, einmal aus der Stadt heraus zu kommen und eine einfache Posada gab es auch, wo wir eine Nacht verbringen konnten. Nicht so gut ist, dass die Fahrt dorthin ca. 3 Stunden dauert und Autofahren hier in und vor allem um Asunción herum ziemlich am Nervenkostüm rüttelt, es sei denn, dass man kein Problem damit hätte, am Unfall oder gar Tod eines Motorradfahrers beteiligt gewesen zu sein. Außerdem hatten wir ein paar Minuten das Einsprühen mit Insektenschutzmittel vergessen und unsere Beine sehen aus wie geographische Gebirgslandkarten. Die Erholungsbilanz war insofern etwas gemischt. Als ich anderntags früh aufstand, ins Bad ging, dasselbe wieder verließ und das Licht ausschalten wollte, ging das plötzlich nicht mehr. Der Schalter steckte fest. Über Nacht stand die Küche plötzlich unter Wasser. Die Türklappe des Küchenschranks hatte ich auf einmal zur Hälfte in der Hand und musste Gl. laut um Hilfe rufen, um festzuhalten, bis ich einen Schraubenziehen gefunden hatte, um das zweite Schloss abzuschrauben, bevor das auch noch abbrechen konnte. Wir haben zwar drei Toiletten, können zumindest eine davon jedoch nur für kleinere Geschäfte nutzen, weil 1 oder 2 mit Größerem überfordert und sofoert komplett verstopft wären – und zwar ohne Toilettenpapier. Die Spülmaschine ließ ebenfalls Wasser unter sich und ist vor Tagen daher „zum Testen“ mitgenommen worden. Der Schalter für die Alarmanlage, die wir nie einschalten, war plötzlich mit dem Garagentor unten verknüpft bzw. umgekehrt und es setzte sich bei der Nutzung des Öffners oder des Alarmschalters jeweils das andere Elektrogerät lautstark in Gang. Nachdem es letzten Monat zwei Tage kälter gewesen war, hatte plötzlich die Haustür geklemmt. Die Wandschränke klemmten schon beim Einzug, weil die Türen zu schwer und überdimensioniert waren. All das und noch viel mehr musste gerichtet werden. Auf diese Weise mürbt das nun schon seit Langem so vor sich hin. Da wir eine sehr hohe Miete zahlen, reagiert der Vermieter auch in der Regel. Das ist positiv. Allerdings ändert sich dadurch ja nicht die Mentalität oder Arbeitsmoral der Handwerker. Es wird ein Termin ausgemacht. Sie kommen dann eventuell irgendwann plötzlich vorbei. Traditionell wird vor dem Haus einfach in die Hände geklatscht. Da wir in einem Mietshaus wohnen, haben sie immerhin ein Einsehen und rufen auf dem Handy an, dass sie unten ständen. Dann wird irgendetwas gemacht und sie müssen wiederkommen oder ein anderer wäre zuständig etc.. Der Abfluss der Spüle, der für die Überschwemmung der Küche verantwortlich war, wurde bereits 3mal repariert. Es ist freilich nicht so, dass das unter Service oder Garantie laufen würde, sondern wird ganz normal dreimal berechnet und ohne Murren vom Vermieter auch dreimal bezahlt. Da ich sehr viel Zeit auf Arbeit verbringe, kenne ich die Kommunikationsprobleme sehr gut und dass man Termine ständig spontan verschiebt: „Oh, jetzt bin ich in der Nähe, das könnte ich jetzt erledigen.“ Mit den Handwerkern muss sich aber Gl. herumschlagen, da sie von zu Hause über das Internet (Ojeh!) arbeitet. Gestern war sie wieder einmal mit den Nerven am Ende: „Ich habe das Gefühl, dass ich mein Leben mit dem Warten auf Handwerker verbringe und mich dann mit Ihnen rumstreiten muss und dann reden sie auf Guaraní und ich kann überhaupt kann ich keinen Plan mehr machen oder irgend etwas organisieren!“ Es ist in der Tat nicht unbedingt so, dass man aufgrund der fremden Kultur oder Befremdlichem, das einem so zustößt einen Kulturschock bekommt. Das gibt es freilich auch, vor allem wenn man offenbar etwas Falsches gesagt hat und plötzlich alle beleidigt reagieren. Damit kann man aber irgendwie umgehen, so nach dem Motto zu sich selbst zu sagen: „Okay, Du bist hier fremd. Die Leute verhalten sich anders. Da musst du Dich anpassen und dazulernen: Calm down.“ Aus früheren langen Auslandsaufenthalten wusste ich, dass einen nicht die Kulturschocks sondern der Alltag zermürbt. Die mangelnde Infrastruktur, die Ignoranz gegenüber Problemen von Fremden, das Nicht-an-Morgen-Denken und eben die alltäglichen Widerwärtigkeiten des Lebens. Man nimmt dies in der Fremde viel stärker wahr – selbstverständlich gibt es unzuverlässige Handwerker auch in Deutschland. Dort kämpfen die Expats aber eher mit der Rechthaberei, der Gründlichkeit und Intoleranz gegenüber Unpünktlichkeit, dem Empfinden, dass die Leute eher um Ihre Pläne bemüht sind, als an Menschen interessiert. Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Auslandseinsätzen vor allem die mitausgereisten Partner der Expats leiden – unter sozialer Isolation, weniger Vorbereitung, logischerweise größeren Problemen, sich beruflich zu etablieren und in Entwicklungsländern wie Paraguay der Zermürbung durch die Alltagsprobleme und niedrigeren Standards bwz. fehlender Infrastruktur. Das positive Gegengewicht, sommerliches Klima, Gelassenheit, freundliche Menschen, können wir persönlich bislang nicht wirklich bestätigen. Da sich meine berufliche Situation bis heute nicht geklärt hat, und zunehmend schwierig gestaltet, fragen wir uns, warum tun wir uns das an bzw. frei nach Bruce Chatwin zunehmend: „What am I doing here?“ Aber so schnell gibt man ja nicht auf, nicht?

Ach so der, ja sowieso genau

Wir bekommen bald Besuch aus Brasilien und Gl. hat über AirBnB eine Wohnung gesucht für ein paar Tage. Nachdem wir um die Ecke eine Baustelle besichtigt haben, („sehr schön, aber nein danke, wir melden uns“) geht sie allein los um sich ein anderes Angebot anzuschauen. Nach ca. 2 Stunden ist sie wieder zurück und um eine vollständige Lebensgeschichte reicher. Bei der Vermieterin handelt es sich um eine Architektin, die in der Nähe des Krankenhauses und des dazugehörigen „Gesundheitsparks“ ein sehr schönes großes Haus für Ihren Mann, sich und drei Kinder erworben hatte. Nein, das hätte sie nicht selbst gebaut, aber wo wir denn wohnen würden, fragte Frau Margaretha. Ach, dort! Ja klar, das Haus hätte Ihre Kollegin, Frau Oviedo, entworfen und ja, gut, die Qualität sei nicht so gut, aber die Gegend ja wunderbar und sie würde auch zunehmend in Carmelitas nachgefragt. Über die lokale Architekturszene ist man insofern schnell kundig geworden. Und dann erfuhr Gl. die ganze Geschichte, wie es mit dem Mann und der Familie von Margaretha weiterging und viele andere Dinge eher privater Natur. Eine ausländische Psychotherapeutin würde fehlen in Asunción, weil sich ja alle kennen würden und wenn man zu einer einheimischen Therapeutin gehen würde, wüssten das alle sofort. Das leuchtet ein.  Innerhalb von 2 Stunden erfuhr Gl. ein gutes großes Stück der Lebensgeschichte von Frau Oviendo. Und dann hat Margaretha noch die Geschichte von den 8 Holländerinnen erzählt, die alle über AirBnB im Haus zur Verfügung stehenden komfortablen Zimmer – jedes hat selbstverständlich ein eigenes Bad – für 4 Wochen gemietet hätten. Sie hätten in Luque als internationale Helferinnen einer lokalen NGO ein Haus für die Armenhilfe gebaut – und dabei sehr viel Spaß gehabt und jede Menge Grillabende organisiert. Acht Freundinnen in einem tropischen warmen Land – bewusst ohne Ehemänner oder dergleichen. Ob die mittlerweile auch schon jeder kennt, entzieht sich meiner Kenntnis, ist aber anzunehmen. So ist das hier in Paraguay.

Von der Liebe zum Baum

Also ich erinnere mich, dass auf der Höhenstraße zum Nachbarort im Westerwald Bäume die Straße säumten. Man nannte das im Platt eine Schussi. Vor allem im Winter war das praktisch, weil sie aus dem Schnee ragten und man den Straßenverlauf erahnen konnte. Ich erinnere mich an ein Foto von meinem Onkel Erich im Winter 1944 als der Ort praktisch zugeschneit war, man sich aber an den Bäumen noch orientieren konnte. Freilich wickelten sich auch jede Menge Auto- und Motorradfahrer um diese Bäume, zumal die Maschinen schneller und die Straßenbeläge erheblich verbessert wurden. Daher wurden die Straßenbäume in Verlauf meiner Jugend als hinfällig und mittelalterlich gründlich ausgerottet. Auch in Innenstädten würde kein Lokalpolitiker mehr das Risiko eingehen, an einer engen Kurve oder gar mitten auf der Straße einen Baum stehen zu lassen. Nun steht hier in Asunción zwar nicht zu befürchten, dass sich die Schlaglöcher irgendwie auflösen und planerisch an Hindernisse heranzugehen, ist auch nicht unbedingt angesagt. Dennoch denke ich, dass der Umstand, dass urplötzlich mitten in Asunción mitten auf der Straße ein prächtiger Baum steht, der Liebe der Paraguayer zu demselben oder möglicherweise auch dem Schatten den er spendet, geschuldet oder vielmehr zu verdanken ist. Ein anderer Beleg für diese These ist, dass der Resistencia Fußballklub einen Baum nicht nur aus der Haupttribüne herauswachsen lässt, sondern ihm auch noch einen Fan-Status mit Trikot und allem was so dazu gehört gewährt hat. Da ich aber irgendwie befürchte, dass mit der Entwicklung Paraguays auch die Straßenbäume verschwinden werden, habe ich mich ganz freiwillig zur Dokumentation dieser bislang noch nicht vom Aussterben bedrohten Spezies bereit erklärt.

Normal in Paraguay

Meine Kollegin Mary Louise verbringt wirklich viel Zeit auf der Arbeit. Sie ist morgens in der Regel kurz nach 7 im Büro, arbeitet täglich bis ca. 16:30 und auch abends manchmal online zu Hause und hat vor allem kein Problem damit, wenn zusätzlich ein Workshop nachmittags von 16:00 bis 20.00 Uhr oder am Samstag angesetzt wird. Sie hat ein kleines Baby, ca. 1 Jahr alt, um das sich offenbar ihre Mutter kümmert. Immerhin braucht sie mit dem Bus, dem Collectivo, nur ca. 20 Minuten bis nach Hause. Von Urlaub war bislang noch nicht die Rede. Im Januar gibt es für alle 2 Wochen Urlaub und fertig. Freizeit bedeutet hier in Paraguay vor allem die Gelegenheit, die Familie oder eben die eigenen Kinder zu sehen. Meine Kollegen essen Mitgebrachtes in der kleinen Küche unten im Bürogebäude. Diesen Luxus haben andere nicht. Da es auch keine Regeln für Pausenzeite o.ä. gibt, sprießen um Behörden oder beispielsweise Krankenhäuser herum die Garküchen und fliegenden Händler, damit man sich in einer freien Minute etwas zu essen besorgen kann. Kantinen sind eher unüblich. Felicita arbeitet als Friseurin in einem Friseursalon ganz in der Nähe meiner Arbeitsstelle. Sie verbringt täglich 5 Stunden im Bus auf dem Weg zur Arbeit und wiedernach Hause. Die Arbeit geht um 08:00 Uhr los und um pünktlich zu sein muss man vorher da sein; auch das kostet zusätzlich Zeit. Um 17:00 Uhr schließt der Salon, aber wenn 5 Minuten vorher noch jemand kommt, wird er oder sie selbstverständlich bedient. Auch sie hat zwei kleine Kinder um die sich die Schwiegermutter kümmert und die sie kaum sieht. Das ist ihr Alltag und ihre Hoffnung setzt sie auf den neuen Metrobús, der zwar mehr kosten ihr aber fast 2 Stunden pro Tag Zeit verschaffen würde. Von denjenigen, die in Asunción wohnen, wird dieses Projekt vor allem als Ärgernis gesehen, da die Baustellen das ohnehin schon heftige Verkehrschaos nochmal multiplizieren und vor allem auch korrupte Beamte sich wieder eine goldene Nase verdienen würden. Felicita denkt hingegen daran, dass die Busfahrer dann gezwungen wären, an den Bushaltestellen anzuhalten und alle dort ein- und aussteigen zu lassen. Mit einem Kleinkind auf dem Arm beispielsweise ist es nicht so angenehm mitten auf der Straße bei heftigem Gegenverkehr aussteigen zu müssen, weil das dem Busfahrer gerade so passt. In den Vorstädten außerhalb ist auch die Stromversorgung noch schwieriger. Felicita erzählt, dass im Hochsommer im Januar ständig der Strom ausfällt, weil die Leitungen dann überlastet sind – alle schalten Ventilatoren oder sofern sie eine haben, die Klimaanlage ein. Einmal hätten sie für 14 Tage keinen Strom gehabt und das bedeutet auch, dass man wenig frische Lebensmittel und vor allem kein Fleisch kaufen kann, weil die kleinen Supermärkte keine Kühltruhen haben. Kochen ist dann auch nicht möglich, außer über offenem Feuer und sie hätten daher einen Vorrat an Dosen. Die Hitze würde in der Enge der Collectivos dann unerträglich und man genießt den Luxus auf der Arbeitsstelle in Asunción, die Klimaanlage auf Vollgas laufen zu lassen. Mary Louise erzählt, dass ihr Baby einen eigenen Ventilator hat, da es etwas übergewichtig wäre und besonders unter der Hitze leiden würde. Ich verstehe jetzt schon ein wenig besser, warum sie auch an kühlen Tagen automatisch die Klimaanlage in unserem Büro einschalten muss.

Alle so schön bunt hier

Paraguay ist in den Top Ten der glücklichsten Nationen des Globus und erreichte 2012 sowie 2013 sogar Platz eins (Quelle: Gallup). Tatsächlich sind die Paraguayer freundlich, kommen nicht auf die Idee, anderen Vorschriften zu machen und der Staat lässt einen mit Steuern und Regeln ziemlich unbehelligt. Wenn ein Nachbar  im Bus auf einer Bananenschale ausgerutscht und im Krankenhaus gelandet ist, unter einer schweren Krankheit oder sonstigem Umgemach leidet, sammeln die Nachbarn für Essen und geben Geld. Sollte der Nachbar dann beim Grillen die Musik zu laut aufdrehen, ruft man selbstverständlich nicht die Polizei oder kommt auf ähnlich absurd Ideen. Alle kennen sowieso alle in diesem Land und bei einem Problem hat man eine Handynummer zur Hand um anzurufen. Für bürgerliche Familien und Kinder ist es sicher eines der besten Länder Lateinamerikas mit einem angenehmen Lebensstandard. Wer sich für Fußball interessiert, findet schnell Anschluß und Gesprächspartner.
Deutsche haben einen sehr guten Ruf und begegnen durchaus Respekt, vor allem auch ob der Leistung der deutschstämmigen Mennoniten, die seit 1927 den Gran Chaco – eine öde Savannenlandschaft mit lebensfeindlichen Bedingungen – im Westen beackern. Paraguayer – generalisierend – essen gerne gegrilltes Rindfleisch, trinken Bier und ihren Tereré mit Freunden, tanzen und singen gerne und freuen sich des Lebens. Die Lebenshaltungskosten sind geringer als in Deutschland, sofern man nicht gerade in Carmelitas in Asunción wohnt oder ein neues Auto besitzen möchte. Mit einer guten Rente kann man hier also gut leben, solange man gesund bleibt. Zuverlässige gute Handwerker werden auch gesucht und unternehmenslustigen Neuparaguayern, die bereit sind, Spanisch zu lernen, bieten sich durchaus Chancen, unter der tropischen Sonne eine Existenz aufzubauen. Vor allem in den Süden des Landes zieht es daher weiterhin deutsche Auswanderer. Letztes Jahr sind offenbar 500 Deutsche diesen Schritt gegangen. Ich habe auch schon den ein oder anderen getroffen. Z.B. das junge Paar, dass ein Grundstück in Nueva Colombia gekauft hat und sich da ein Haus bauen will. Das liegt ca. 35 km von Asunción nördlich des Lago Ypacarai. Berliner würden sagen „janz weit draußen“ und von Touristen wird man in Paraguay sowieso nicht behelligt. Die gibt es kaum. Auf meine Frage, ob sie da auch Landwirtschaft betreiben möchten, antworteten Sie: „Vielleicht werden wir ein paar Tiere halten und Gemüse anpflanzen, aber auf keinen Fall soll das in Stress ausarten.“ Immer locker bleiben in Paraguay.

DA gewöhnt man sich dran

Ende April was es noch hochsommerlich in Asunción. Joseph meinte, er würde jetzt für 3 Monate nach Österreich abhauen, weil es hier „saukalt“ werden würde. Da haben wir noch innerlich gelächelt. Schließlich hatten uns alle vor der unerträglichen Hitze in Paraguay gewarnt. Es kam dann aber der Tag, als wir uns eine große warme Decke gekauft haben. Ohne Schuhe auf den kalten Fliesen hier in den Gebäuden herum zu laufen, ist nicht empfehlenswert. Und ja: Es wurde saukalt. Die Wohnungen sind nicht für Temperaturen um die 10 Grad gebaut. Die Feuchtigkeit zieht bis in die Knochen und die plötzlichen Wechsel verstärken den Effekt. Vor zwei Wochen fiel die Temperatur von tagsüber 32 Grad auf 16 innerhalb von 2 Tagen. Letze Woche ging es runter bis auf 7 Grad.

Es ist aber dann doch zum Totlachen, wie die sonst so formellen Paraguayer, die auf Anzüge und Krawatten, Kostüme und Jäckchen so großen Wert legen, in dicken Wollmänteln – wo kann man die eigentlich hier kaufen? – und mit Schirmmützen ausgestattet in Besprechungen sitzen. Im Shopping-Center haben wir einen jungen Mann gesehen, der mit einem dicken Woll-Poncho herumlief. Gleich daneben spazierten zwei amerikanische Touristen, die – weil sie ja schließlich in Urlaub sind – in Shorts herum – und haben wahrscheinlich erbärmlich gefroren. Nun, seit dem Wochenende sind es wieder um die 30 Grad am Tag und wir schauen der Zukunft hier in Asunción mit gemischten Gefühlen entgegen. Ich kann allerdings jedem, der von Mai bis Juli in Paraguay ist, nur raten, sich warme Kleidung einzupacken.

Noch mehr Tereré und Unappetitliches

Also eine Gewohnheit, die man sich in Lateinamerika ob der schwachen Sanitäranlagen abgewöhnen muss, ist, das Klopapier in dasselbe zu werfen um alles gleichzeitig wegzuspülen. Wenn man das macht, ist die Toilette innerhalb kürzester Zeit verstopft. Für diesen Zweck gibt es Plastikeinmer, die in den Toiletten herumstehen und für sich herumstinken.  Das man lieber nichts hineinwerfen sollte, trifft freilich auch auf Anderes zu. Ergänzend zu meinen Überlegungen zum Tereré-Trinken in Paraguay poste ich hier eine Foto, dass ich gestern in einer Workshop-Pause auf der Toilette einer Cooperativa mit meinem Handy aufgenommen habe:

Paraguay ist ein Hotel

Wie in vielen Kulturen, in denen die mündliche Kommunikation und das Miteinander reden Priorität haben, sind auch in Paraguay Handys allgegenwärtig. Zum erstenmal in meiner beruflichen Laufbahn habe ich kein Telefon im Büro. Man kann zwar die Zentrale anrufen und sich mit dem Telefon verbinden lassen, dass hier irgendwo für den halben Flur herumsteht, aber wozu?

Es gibt doch What´s App! Ruf´mich an auf meinen Handy! Wir brauchen jemand? Im Internet recherchieren? Suchen? Quatsch! Ruf+ an! Schick eine What´sApp Sprachnachricht!

Gl hat ein Problem mit der Bankkarte ihres Kontos in Brasilien. Nachdem sie die mehrmals in Paraguay benutzt hatte, wurde sie automatisch gesperrt. Wer benutzt schon in Paraguay (!!) seine Bankkarte. Da muss man sichergehen. Nun, man kann freilich anrufen und sie entsperren lassen. Einen Festnetzanschluss haben wir nicht. Wozu auch, es gibt ja Handys. Wir haben drei paraguayische Handys von zwei verschiedenen Telefongesellschaften, wobei Tigo eigentlich sowieso hier ein Monopol hat. Aber nach Brasilien anrufen? Wer macht denn so was? Jeder Versuch endet mit der Nachricht „nicht möglich“. Wir haben eine öffentliche Telefonzelle gesucht: Ausgestorben! Es gibt am Flughafen noch ein Internetcafé mit Telefonkabinen. Die habe ich benutzt, als wir ankamen und uns niemand erwartete. Aber extra zum Flughafen fahren? Nun diverse Anrufe brachten ans Tageslicht, das es einen einfache Trick gibt. Statt wie üblich bei internationalen Vorwahlen zwei Nullen voranzustellen, also z.B. 0049 für Deutschland oder 0059 muss man hier -ganz wie in einem Hotel – sich erst einmal „herauswählen“ und zwar mit einer 2. Man wählt also z.B. für Brasilien nicht 0055 und dann die brasilianische Nummer sondern 00255 und dann die Telefonnummer. Das muss man freilich wissen, aber braucht man das zu wissen?

Gedanken

Meine Umgebung hier erwartet, dass wir es toll finden, hier in Asunción. Es ist in der Tat eine sehr grüne Stadt. Es gibt gute Restaurants und viele Parks und die Leute sind in aller Regel freundlich zu uns. Wenn man um die Ecke biegt, begegnet man freilich den Straßenhändlern, Kindern, die zum Betteln geschickt werden und gestern habe ich aus dem Autofenster heraus direkt neben mir einen Drogendeal beobachtet.  In Paraguay blühen Korruption und Schattenwirtschaft, Großgrundbesitzer leben in absolutem Luxus und kleine Bauern im Elend. Bei den im nächsten Jahr anstehenden Wahlen ist davon auszugehen, dass wieder mit Drogengeldern Wählerstimmen gekauft werden. Hier im Stadtteil Carmelitas, in dem wir leben, tendiert man dazu, das auszublenden. Das sind alles Themen, die ich Paraguayern gegenüber nicht ansprechen darf. Sie dürfen darüber sprechen, wenn sie wollen, aber ein Deutscher nicht. Trotzdem gehört auch das zum Alltag und weil ich doch dazu gehöre, kämpfe ich irgendwie mit mir und meinen Gedanken, wenn ich ein einer Besprechung sitze, in der alle Geld dafür bekommen, einfach nur dort zu sein und Unmengen an Empanadas und Chipas hereingetragen werden. Paraguay kann hohe Wachstumszahlen aufweisen, vor allem die Bauindustrie blüht. Das kann man an den Protestschildern von Anwohnern hier im Viertel sehen, die sich dagegen wehren, dass illegal 6-stöckige Häuser gebaut werden, aber vor allem an den Hochhausbauten mit megateuren Büroräumen i Nachbarviertel, die größtenteils leer stehen. Man weiß, dass wohlhabende Brasilianer und Argentinier wegen der Probleme in ihren Heimatländern auf diesen für sie nahen und interessanten Immobilienmarkt ausweichen, aber wie viel Drogengelder investiert werden, weiß natürlich keiner. Über die letzten 20 Jahre is paraguay von einem Importuer von Lebensmitteln zu einem Exporteur mutiert.  Der Präsident des größten Agrarverbandes des Landes verkündete, dass die Produktion von Getreide von 2 Millionen Tonnen 1991 auf  17 Millionen Tonnen in diesem Jahr ansteigen wird. Das fördert erfreulicherweise auch Kleinunternehmen. Trotzdem sind 15 % der Paraguayischen Kinder unterernährt. Hier ein Video zum Thema: https://youtu.be/Z4Kwz_QNf-Y

Harfe

Am Wochenende waren wir auf dem Ha(r)fenfest in Asunción. Es spielte eine „Harfenband“. Im Gegensatz zu Irland ist dieses Musikinstrument zwar nicht das Nationalwappen, aber für die nationale Identität mindestens genau so wichtig. Nicolas Caballero aus Paraguay, ein weiterer Meister der Harfe. Ein Musiker namens Nicolas Caballero aus Paraguay spielte 1965 im Vatikan vor Papst Paul VI.  und 1989 begleitete er Placido Domingo zu den Aufnahmen “Sonadores de Espana” auf der Harfe. Ist eine Band junger Mädchen, die zeitgenössische Popsongs auf der Harfe spielt in Deutschland denkbar? Also hier fahr´n sie jedenfalls total darauf ab. Oder doch eher auf die Mädchen? Jedenfalls war´s schön.