Tereré

Als kleiner Junge habe ich mit Begeisterung Westernfilme geschaut und war immer auf der Seite der Indianer. Die Friedenspfeife gehörte ebenso zu meinem Vokabular wie etwa der Tomahawk oder der Marterpfahl. Später in meiner Jugend erinnere ich mich an Open Air-Konzerte in Mainz und Ingelheim in denen die Joints kreisten. Bierrituale, z.B. das Glas nach dem Anstoßen wieder kurz auf dem Tisch aufzusetzen, sind in Deutschland beispielsweise in Studentenkneipen ja weit verbreitet. Ganz so wie das Bier gleichsam flüssiges Artefakt wie auch Kleister deutscher Kultur war – oder immer noch ist – bildet auch hier in Paraguay ein Getränk ein kulturelles Determinant, das die arabische Wasserpfeife mit dem Hippie- Joint und dem Palaver des indianischen Ältestenrats verbindet bei dem alle an der Friednespfeife ziehen: der Tereré. Das ist eine Art Tee aus Yerba Mate-Kräutern, der mit einem metallenen Trinkstock namens Bombilla aus einem Becher namens Guampa getrunken wird, in dem das Gebräu ständig neu angerührt wird: vorzugsweise mit kaltem Wasser aus einer Thermoskanne. Wie bitte? Mate-Tee kennen wir doch aus Argentinien und der ist selbstverständlich ein Heißgetränk – oder zumindest lauwarm. Nun, in Paraguay und dem angrenzenden Chaco ist der Tereré kalt. Das mag an der Hitze im Sommer liegen, aber Markus, unser Neffe aus Brasilien war beruflich hier und sie haben ihm den üblichen Triple-Allianz-Kram aufgetischt: Wo Feuer ist, da gibt es auch Rauch. Dadurch würden sie gefunden, hätten sich die in Bedrängnis geratenen paraguayischen Soldaten gedacht. Nun ja, hätten sie sich dann gedacht: Es geht auch mit weniger Feuer und weniger Rauch und dann trinkt man ihn eben nicht so heiß und das Ergebnis war ein erfrischendes Kaltgetränk, dass sich trotzdem ständig neu „aufkalten“ und gemeinsam trinken ließe. Nachweislich haben die Guaraní schon lange vorher aufgebrühte Kaltgetränke genutzt, aber die Story mit den Kriegern klingt freilich besser und damit sind dann letztlich die Brasilianer Stifter dieses Kulturguts.

Also früher wurde in Irland ja auch viel Tee getrunken. Hier in Paraguay ist der lokale Matetee jedoch zu einer nationalen verbindenden Alltagszeremonie mutiert, mit der täglich aufs Neue jeder individuell Farbe bekennen und gleichzeitig der Gemeinsinn beschworen werden kann. Das Tererétrinken wird beispielsweise in einer Runde mit Freunden zelebriert, in der die Guampa herumgereicht wird. Der Jüngste schenkt aus, und jeder trinkt dabei die Guampa der Reihe nach aus. Im Alltag ist der Tereré in der Tat omnipräsent: Polzisten schleppen ebenso wie Bauarbeiter, Anwälte oder Mediziner ihre Thermoskannen mit sich zur Arbeit. Kein Workshop in dem nicht ein Teilnehmer seinen Kollegen/innen den Becher zum Aussaugen reicht und kein Kinderspielplatz auf dem nicht eine der Mütter den Mitmüttern den Becher reicht.

Man schleppt ständig die überdimensionierte Thermoskanne mit Farben und Symbolen dessen, was einen ausmacht mit, also z.B. schwarz mit dem Logo des Fussballklubs Olimpia oder des Kindergartens, oder eben Werbung von Daihatsu o.ä..

Irene beispielsweise geht mit den Kindern regelmäßig zum Spielplatz in den Parque de la Salud. Da sitzt sie dann mit anderen Müttern und schaut den Kindern beim Spielen zu. Selbstverständlich wird ihr eine Guampa gereicht. Auweia, Herpes, Viren, Mundgeruch, Ekel! Ähhh, nein danke. Wie bitte? Erstauntes Unverständnis: Wie, du willst nicht? Willst Du Dich ausschließen? Nein, nicht?

Hugh ich habe gesprochen!

Auf und Ab

Das auf und ab geht weiter. Deutschland ist ja eine so genannte Low-Context-Culture, d.h. beispielsweise dass man versucht, alles schriftlich festzuhalten und zu vereinbaren, Besprechungen durchaus ergebnisoffen sein können und man sich in Diskussionen mit Argumenten oder Fachkompetenz manchmal durchsetzen kann. In so genannten High-Context-Cultures hingegen ist Vieles nicht sichtbar sondern aus dem Kontext heraus verständlich (vgl. Edward Hall). Kompetenz ist dann die Position, in der man sich befindet und sind die Leute, die man kennt. Tatsächlich kann das Wort „competencia“ im Spanischen sowohl Befugnis oder Zuständigkeit also auch Fähigkeit oder Sachkenntnis bedeuten. In einer kollektivistischen Kultur wie der Paraguayischen sind Verträge nicht wirklich viel wert. Das Schriftliche steht am Anfang nicht am Ende. Alles ist ein Aushandlungsprozess, in den die Paraguayer mit einem hohen Informationsvorsprung hinein gehen, der sich dadurch ergibt, dass man sich meist seit Jahrzehnten kennt und vieles einfach aus dem Raum, in dem man sich befindet, heraus klar ist. Für mich war diese Woche beruflich wieder ein Rückschlag und mir wurde auf die harte Tour klargemacht, dass mein Arbeitsvertrag geduldiges Papier ist. Andererseits haben wir heute 4 Stunden auf der Stadtverwaltung verbracht, 250000 Guaranies dort ausgegeben und es dann tatsächlich geschafft, einen Paraguayischen Führerschein zu erhalten. Nicht schlecht! Dazu mussten wir auch einen Reaktionstest, einen Sehtest und einen Blugtruppentest mit uns machen lassen. Eine Prüfung von Verkehrsregeln o.ä. gibt es hingegen nicht. Außerhalb von Asunción kann man den Führerschein einfach für 250000 Guaranies käuflich erwerben und losfahren. Apropos losfahren: Wir haben auch endlich ein Auto!! Erleichterung! Man muss freilich zu einem Notar, zu einer so geannten Escribana gehen um einen Autokauf durchzuführen. Das ist ein hoch bürokratischer teurer Vorgang, der in unserem Fall auch noch nicht abgeschlossen ist.  Aber irgendwie wird das schon noch klappen. Allerdings war es nur durch einen umständlichen Deal über ein französisches Konto möglich, weil sich alle Banken bei denen ich es bisher versucht habe, weiterhin schlicht und einfach weigern, mir die Eröffnung eines Kontos zu gewähren oder aber 1000 Dokumente verlangen, deren Beschaffung mindestens 1 Jahr dauern und eine Reise nach Deutschland erfordern würde. Also nix mit Überweisung und mit hohen Bargeldbeträgen in der Weltgeschichte herum zu reisen, oder Western Union Unsummen in den Rachen zu stecken ist ja nicht ratsam. Auch hier bleibe ich weiter dran. Asunción sei die grünste Stadt Südamerikas, heisst es. Das stimmt vielleicht und wir versuchen im Moment wieder Positives zu sehen.

Planeritis

Im Deutschen gibt es die schönen klaren Verben mit dem Präfix „ver“. Damit kann man etwas Endgültiges prima ausdrücken, z.B. „Er hat seine Unschuld verloren.“ oder „Ich habe das vergessen.“ Diese Verben werden daher auch sehr gerne im Zustandspassiv benutzt und sind wie gesagt insofern auch sehr stark und untrennbar. Ungrammatisch wäre es zu sagen: „Er heiratet gestern ver.“ Nun, wie dem auch sei: Eines dieser schönen Verben lautet: „verplant“. Tatsächlich ist man in Deutschland allzu oft total verplant. Es gibt Einsatzpläne, Operationspläne, Zeit-und Ressourcenpläne, Produktionspläne Bebauungspläne etc. etc. – von den vielen Kennzahlen ganz zu schweigen, die zur Überprüfung gebraucht werden. Wenn etwas nicht nach Plan läuft: Auweia! Ich habe Leute gekannt, die aus dieser Verplanung nur noch mit einem vorgetäuschten Burnout herauskommen konnten. Nichtsdestotrotz und wieder besseres Wissen habe ich ganz dieser deutschen Tugend folgend an meinem neuen Arbeitsplatz hier in Paraguay auch gleich nach allen Regeln der Kunst mit Aufgaben, Meilensteinen, Zeitstrahl und Beziehungen etcpp., einen Operationsplan für unser aktuelles größtes Projekt aufgestellt, das ich ja eigentlich leiten soll. Nach dem bekannten Motto: Planung ist nichts weiter als der Ersatz des Zufalls durch den Irrtum – oder einen besserwissenden Deutschen – lässt dieser die Paraguayer in der Regel unbeeindruckt. In Paraguay, in dieser Kultur, sei es wichtig, miteinander zu reden, hält man mir entgegen (übrigens sind Verben mit dem Präfiy“ent“ auch interessant und auch nicht trennbar). Tatsächlich ist es in kollektivistischen Kulturen wie der Paraguayischen – noch dazu mit indigenen oralen Traditionen – wichtig, alle einzubeziehen, ungeachtet möglicher hierarchischer Strukturen. Pläne oder gar ein Ziel-orientiertes Monitoring würden in diesem Prozess nur stören. In gewisser Weise lebt es sich leichter, wenn man sich keine Sorgen um die Zukunft macht und stattdessen den Augenblick genießt. Ohne an morgen zu denken, ist Entwicklung aber leider erstens schwer und zweitens muss irgendjemand die Suppe auslöffeln. Das ist Kehrseite der Medaille. Selbstverständlich gibt es Pläne in Paraguay. Ein Stadtentwicklungsplan für Asunción beispielsweise sieht offenbar vor, dass in San Lorenzo, einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, eine Busfahrbahn gebaut werden soll. Das Ergebnis ist ein Verkehrschaos sondergleichen. Den Plan gesehen oder gar verstanden hat aber offenbar niemand. Die Zeitungen berichten lieber über Staus. Mein Team zeigt sich von meinem Operationsplan ebenfalls nicht sonderlich beeindruckt. Wir haben gerade eine Pilotphase hinter uns und machen einfach gleich weiter. Zeit zur Evaluierung, Auswertung, Anpassung  und vor allem Planung dessen, wie es weiter gehen soll und wohin uns das führen wird, bleibt da nicht. Aber im typisch polychronen Zeitverständnis der Paraguayer ist Zeit eben verfügbar. Nun, da werde ich meine Pläne wohl an die Realität anpassen müssen.

Nur Bares ist Wahres

Als mein Vater seinerzeit als Werkzeugmacher im Siegerland arbeitete, brachte er am Ende der Woche eine Lohntüte mit dem Geld nach Hause, dass er in der Woche verdient hatte. Ich kann mich noch erinnern, solche Tüten in meinem Elternhaus im Schrank gefunden zu haben. Da wurde freilich schon Gehalt überwiesen. Später gab es dann plötzlich Automaten und EC-Karten. Heute mache ich gelegentlich Überweisungen online und kenne sogar Leute, die Bitcoins besitzen. Wie dem auch sei: Heute wurde mir mein Gehalt für Mai ausgezahlt und bin wieder Millionär (siehe Foto) – juhuu! Der Durchschlag der Quittung, die ich nach meinem Vermögen schwungvoll unterschrieben habe, ist sinnvollerweise auch gleich ein Umschlag, in den man das Gehalt hinein stecken kann. Das Geld bar in der Hand zu haben stellt aber nicht nur für den Heimweg ein gewisses Sicherheitsrisiko dar sondern verleitet auch dazu, es auszugeben. Das muss ich wieder neu lernen. Nun ja, es ist selbstverständlich nicht so, dass alle Paraguayer ihr Geld bar bekommen und Geldautomaten und Kreditkarten gibt es selbstverständlich auch. Aber Online-Banking ist noch weit weg und ich habe selbst schon diverse Geschäftsleute dabei beobachten können, mit Genuss und Kunstfertigkeit einen Riesen-Stapel Schecks zu unterschreiben. In Lateinamerika sind diese Unterschriften ja wirklich kunstvoll geschwungene Unikate. Das macht schon was her und kann insofern auch mit gutem Gewissen zelebriert werden. Apropos Millionär: Hier ein anderes Foto aus dem Supermarkt: Man kann hier tatsächlich auch ein Paulaner kaufen: Kostet schlappe 55000! Das zahlt man doch in bar!

 Und apropos „Durchschlag“. Das Wort kommt ja aus der Schreibmaschinenzeit, als man für eine Kopie des Schreibens einfach Durchschlagspapier und einen zweiten Bogen mit in die Schreibmaschine einspannt. Und so eine alte Olympia ist mir gestern in einem hiesigen Anwaltsbüro noch voll im Einsatz auch wieder begegnet. Das war damals der Merecedes unter den Schreibmaschinenmarken.

Unterwegs ohne Babelfish

Es ist Wochenende und daher treffe ich den Pförtner unserer Firma nicht: Don Vicente. Jeden Tag versucht er mir Guaraní beizubringen. Ich kann mir die Wörter aber einfach nicht merken und vor allem auch den Kontext nicht erahnen. Ich weiß auch nie, ob er jetzt in einen Schwall Guaraní ein Señor eingestreut hat oder eigentlich doch Spanisch spricht, in das er Guaraní-Wörter einstreut. Aber da ich ja nun ins Büro hinein und wieder heraus muß, habe ich keine Chance. Nidia hat mir am Donnerstag erklärt, dass die Argentinier hier den Spitznamen „Curecis“ haben und auch dieses Wort hätte seinen Ursprung im Guaraní, nämlich zusammengesetzt aus „Kuré“, Guaraní für Schwein und „Pí“ für Haut. So nennen die Paraguayer die Argentinier!? Nun, das hätte seinen Ursprung – wie so vieles hier – im Guerra de la Triple Alianza, dem Triple-Allianz-Krieg von 1864 bis 1870. Paraguay kämpfte damals allein gegen die verbündeten Staaten Argentinien, Brasilien und Uruguay. Er endete mit der völligen Niederlage Paraguays und gilt als der blutigste Konflikt in der lateinamerikanischen Geschichte, da kaum männliche Paraguayer überlebten. In Europa blieb dieser Krieg weitgehend unbeachtet. Jedenfalls hätten im Gefechtsgeschehen die Paraguayer Guaraní gesprochen, um von den Feinden nicht verstanden zu werden. Um zu unterscheiden, welches feindliche Militär ihnen gerade gegenüber stand hätten sie sich den Umstand zunutze gemacht, dass die brasilianischen Soldaten in der Regel dunkelhäutig, die Argentinier dagegen hellhäutig gewesen seien. Nun, ob das stimmt? Jedenfalls bleibt das Guaraní-Problem für mich präsent.

Als ich mich heute durch die Fernsehkanäle gezappt habe bin ich über einen Sender namens TV Chaqueno gestolpert, der eine Sendung mit dem Titel „Feste Schritte“ zeigt. Das ist doch Deutsch, oder? Wahnsinn! So hießen Lesebücher des Deutschunterrichts Ende der Dreißiger Jahre. Ich kann das antike Hunsrücker Platt der Brasiliendeutschen in Pomerode einigermaßen verstehen und auch in Argentinien sind mir schon alte deutsche Dialekte begegnet, die als solche eindeutig zu identifizieren sind, aber was ich hier im Fernsehen höre, ist definitiv weder Flämisch, noch Polnisch, aber Deutsch?  Da wird gerade eine Musikgruppe von 4 zum musikalischen Erfolg entschlossen ausschauenden jungen Männern und einer sympathisch wirkenden jungen Sängerin auf einem Feld gezeigt, mit Keyboard, elektrischer Gitarre und allem, was so dazu gehört. Verstehen kann ich ca. 30% und zu diesen zählen die spanischen Einsprengsel ebenso dazu wie einzelne Wörter wie „kreativ“ oder „Computer“. Unten wird eingeblendet: Tema: Präsentation der 1 CD der Band Exalta Jesus. Dieser Name wird offenbar mit „Du erhörst Gebet“ ins „Hochdeutsche“ übersetzt. Die Band verfügt selbstverständlich auch über eine Whats´s-App-Gruppe und eine Facebook-Seite. Auch das kann ich ohne Probleme verstehen. Zwischendurch kommt Werbung für einen Laden, der Fungizide und Insektizide und andere in der mennonitischen Landwirtschaft offenbar nützliche Gifte verkauft und an der Ecke Calle Hindenburg mit Calle San Lorenzo zu finden ist. Nun wird ein Lied der Band eingespielt. Der Titel des Lieds lautet: „Du bist meine Zuflucht“ und das wird in perfektem Hochdeutsch ausgesprochen.  Im Anschluß kommt ein weiterer Beitrag über einen christlichen Motorradclub, Motociclistas Cristianos del Chaco Central.  Jetzt schalte zum argentinischen Fernsehen um.

Erst einmal angekommen

Nach 8 Wochen haben wir nun ein Credencial, eine offizielle Aufenthaltsgenehmigung, bekommen. Theoretisch kann ich mit diesem Ausweis ein Bankkonto einrichten und Kaufverträge abschließen, z. B. für ein Auto. Außerdem habe ich mich endlich mit meinem Arbeitgeber auf einen Arbeitsvertrag einigen können und diesen unterschrieben. Jetzt gibt es erst einmal keinen Weg mehr zurück aus dem Paraguay-Abenteuer. Auf einer Veranstaltung mit ca. 120 Leuten bin ich dann als „der Neue“ vorgestellt worden und musste auch gleich eine Präsentation halten. Außerdem gab es Journalisten, die wie wild fotografiert und u.a. auch mich fürs Radio interviewt haben. Auweia. Es ist aber alles gut gegangen bis auf das Singen der paraguayischen Nationalhymne. Da musste ich leider passen.

Öffentlicher Nahverkehr

Gestern stand ich wieder ewig an der Bushaltestelle herum. Letzte Woche hatte mich meine Kollegin Mary Louise bis zur Bushaltestelle begleitet und mir erklärt, welche Busse, also welches „Collectivo“ ich nehmen könne. Es gibt die pittoresk bunt aussehenden alten Standardbusse. Die sind eng, extrem voll und stinken. Außerdem gibt es Taschendiebe. Dann gibt es modernere, besser ausgestattete Busse. Die kosten das Doppelte: 3500 GS pro Fahrt. Das sind umgerechnet ca. 50 Eurocent, aber den Preis können sich die meisten Taschendiebe und Straßenverkäufer nicht leisten.  Mary Louise lotste mich also durch das Gewühl von Wartenden, Bussen und Autos in der Avenida Eusebio Ayalá, hielt dann einen dieser neuen Busse für mich an und ich stieg ein. Vorher hatte sie mir genau erklärt, welche Route er nähme und wo ich dann aussteigen könnte bzw. sollte. Ich stieg also ein und kämpfte mich zu einem leeren Sitz durch, wurde aber gleich unsanft in die Höhe geschleudert und fiel ebenso unsanft wieder auf den harten orangefarbenen Plastiksitz zurück. Sobald sich die Möglichkeit ergibt, geben die Fahrer gnadenlos Gas und durch die Schlaglöcher wird der Waschmaschineneffekt noch verstärkt. Ob der extrem lauten und extrem kitschigen Schlagermusik sollte man sich auch besser die Ohren zuhalten – oder wie die meisten Einheimischen Kopfhörer aufsetzten. Der Bus machte dann eine  komplizierte Runde, fuhr über ein Viadukt und blieb in der Nähe der Avenida Mariscal Lopez, der wichtigsten Verkehrsachse Asuncións, im Stau stecken. Hier ist der Standort von Tigo, dem paraguayischen Telefonriesen, der praktisch ein Monopol hat. Daher arbeiten dort besonders viele Leute und im Berufsverkehr fahren alle von dort raus aus der Stadt. Die Busse halten übrigens vorzugsweise irgendwo, bloß nicht an der Bushaltestelle. Schließlich stieg ich an einer Ampel aus und war tatsächlich nicht allzu weit von der richtigen Haltestelle entfernt, ca. 2 Kilometer von zu Hause. Gestern wollte ich nun wieder den Bus nehmen und wartete an der Haltestelle – nicht beachtend, dass man besser 50 Meter davor wartet – und versuchte, die Schilder zu lesen. Liniennummern gibt es auch aber bisher hat mir niemand erklären können, was die bedeuten oder gar, welche Linie für mich passt. Sobald die Ampel grün wird, brettern alle mit einem Affenzahn los. Da ich sowohl auf die Art des Busses als auch das Schild mit dem Zielort – nämlich Areguá – achten muss, erschwert das die Sache für mich enorm. Immer wenn ich einen Bus mit Areguá sah, winkte ich. Tatsächlich winkte auch einer der Fahrer zurück im Vorbeifahren. Nach einer ½ Stunde begann es außerdem heftig zu regnen und ich gab auf, rief per Handy ein Taxi – die Taxihaltestellen sind nur genau dazu da: zum Halten. Niemand geht hin, alle rufen an. Heute im Büro hat mir Mary Louise gezeigt, dass man nicht einfach winken darf, sondern den Arm mit ausgestrecktem Finger lang ausstrecken muss, sonst klappt das nicht. Wir üben jetzt ein bisschen.

Das geht schon

Die Franken meistern ja nun mit ihrem „Des basst scho“ verschiedenste emotionale Nuancen von “Lass mich endlich in Ruhe“ bis hin zu „Super, dass wir darüber geredet haben“ ebenso wie etwa äquivalent an der Fleischtheke ein „Danke, Das reicht. Schneiden Sie bitte nicht noch mehr Wurst für mich.“

Ähnlich, wenn auch für mich als Neuzugang ungleich komplizierter verhält es sich hier in Asunción mit dem Ausdruck „Así no más.“ Wörtlich übersetzt würde das bedeuten: „So, und nicht mehr.“ Aber „irgendwie“ wäre vielleicht die bessere Übersetzung. Hier in Paraguay hat diese allgegenwärtige geläufige Redewendung vielfältige Bedeutung und steht solcherart durchaus repräsentativ für die Kultur. Es gibt in ABC sogar ein Blog mit diesem Titel. Der Ausdruck steht für die Paraguayische Lässigkeit wie auch für „Was soll´s! Das ist so gut genug.“ Es ist oftmals eine Bestätigung, sich gegenseitig keinen weiteren Stress zu machen und es bei dem zu belassen, wie es nun mal ist. Es lebt sich leichter mit dieser Herangehensweise. In der Tat haben denn auch die meisten Produkte – und Dienstleistungen – eine geringere Qualität als beispielsweise in Brasilien und sicherlich als in Deutschland. Das fängt bei einfachen Dingen wie einem Küchentuch, einem Waschmittel oder einem Wandschrank an und hört bei Autos auf. Die Preise sind zumindest bei Letzteren deshalb allerdings trotzdem gepfeffert. Das regt aber scheinbar niemand auf – außer beispielsweise deutschstämmige Zuwanderer. Nachdem wir vergebens versucht hatten, tiefgefrorene Chipas im Herd zu backen, fragten wir den zufällig anwesenden Haustechniker, der prompt ein Messgerät zückte und feststellte, dass die Herdtemperatur voll aufgedreht keine 150 Grad erreichte. Wir riefen also den Hausbesitzer an, dass der Herd kaputt sei und tatsächlich tauchte irgendwann ein Elektrotechniker auf. Der schaute sich den Herd an, stellte eine Rechnung dafür, dass er gekommen war und erklärte, der Herd sei völlig in Ordnung und die Temperatur doch ausreichend. Auf unseren Einwand, dass das beispielsweise für Chipas nicht reiche, hatte er auch gleich eine verblüffend einfache Lösung parat. Dann könne man doch einfach ein wenig länger backen. Así no más.

Motorräder

Am Samstag gab es wieder ein tropisches Unwetter und überschwemmte Straßen. Selbst Lastwagen hatten Probleme, Kreuzungen zu überqueren. Zwei junge Motorradfahrer hielten auf dem Bürgersteig, stiegen ab und wateten durch das Wasser um zu testen, ob es für sie ein Durchkommen gäbe, wendeten dann und suchten einen anderen Weg. Das war nicht etwa irgendwo auf dem Land, sondern mitten in Asunción. Sobald man ins „Interior“ kommt, werden die Motorräder unzählig und die Elektrik derselben abenteuerlich. Ich muss an den Westerwald in den 50er Jahren denken. Man konnte sich noch kein Auto leisten – oder maximal einen 500er Fiat – und kaufte ein Motorrad. Das wurde dann aber in aller Regel gepflegt und gehütet wie ein Ei.