Schritt zurück

Neulich im Bus fragte mich mein Kollege Ariel, ob das stimme, dass es in Deutschland Homosexuelle gäbe. Auf meine Antwort, dass das kein Problem sei und wir sogar einmal einen schwulen Außenminister und einen homosexuellen Bürgermeister in Berlin gehabt hätte, rollte er die Augen. Nein, hier sei die Welt noch in Ordnung. Was sollte ich dazu sagen? Ganz offiziell hat der Bildungsminister und Rechtsanwalt Enrique Riera aus den Schulen die Bücher und Lehrmaterialien entfernen lassen, die der „ideología de género“, also der „Gender-Ideologie“ frönen würden. Das sei die Meinung der Nationalen Verfassung und auch seine persönliche Haltung. Diese Ideologie dürfe auf keinen Fall schon den Kindern eingeimpft werden, da die Ehe „von Mann und Frau“ grundlegend „für die Bildung einer Familie“ sei. Die Vorgängerregierung, die entsprechende Lehrmaterialien hatte einführen lassen, hätte insofern gegen die Verfassung gehandelt.

Flexibilität

„Es ist immer noch ein Kulturschock.“ meinte Carlito, ein Musiker aus Venezuela, den es der Liebe wegen an den Rhein verschlagen hatte. „Die Deutschen sind unglaublich organisiert. Wenn das Konzert beginnt, steht die Technik. Alles wurde gecheckt und es kann losgehen. Noch imponierender ist, dass der Abbau sofort beginnt. Alle folgen einem Plan, den ich nicht kenne. Jeder scheint zu wissen, was er tun muss und es wird tatsächlich alles eingepackt, sodass man alles am nächsten Tag für das nächste Konzert am nächsten Ort wiederfindet. Es wird selten etwas vergessen. Aber das Konzert selbst verläuft dann eben auch entsprechend. Deutsche Musiker tun sich schwer mit Improvisationen. Kreativität folgt eben keinem Plan. Ich habe auch nach 2 Jahren noch Probleme, mich anzupassen und bewundere gleichzeitig, dieses Planungstalent.“

In der Tat bediene ich hier in Asunción des Öfteren das Klischee des deutschen unflexiblen Quadratkopfes: „Wir sollten das erst einmal planen. Wir brauchen eine Strategie, bevor wir losmarschieren.“ sage ich und die Antwort lautet: „Du sagst immer nur, das geht nicht! Warum soll das nicht gehen? Wir haben für nächsten Dienstag die Presse eingeladen und dann stellen wir das vor.“ Und in der Tat „geht“ das dann irgendwie doch. Man improvisiert, wechselt im letzten Moment den Lieferanten, schiebt Probleme, die sich aus der Improvisation systemisch ergeben und dann für Jahre immer wieder auftauchen könnten, einfach vom Tisch. „Probleme? Das gibt es in Deutschland. Wir haben hier keine Probleme. Wir kennen uns.“ Auf den ersten Blick steht daher der deutschen Unflexibilität, Pingeligkeit und Besserwisserei das Organisations- und Improvisationstalent der Paraguayer gegenüber, die am Ergebnis, an den „avances“ interessiert sind und nicht an „Prozessen“. Beim Projektmanagement konzentriert man sich auf die Meilensteine und die Aufgaben lösen sich dann von selbst. Auf den zweiten Blick ist das freilich etwas vielschichtiger. Margaretha beispielsweise betreibt neben ihrer Tätigkeit als Architektin einen Großhandel mit Baumaterialen. „Es kommt oft vor“, sagt sie, „dass ich ein Geschäft verliere, weil die Baufirmen oder Architekten keine zeitliche Flexibilität mehr haben. Neulich kam ein alter Kunde und wollte Fliesen kaufen. Ich hatte auch genau die Muster und die Qualität, die er suchte. Es passte super. Ich importiere die aus Brasilien. Er brauchte aber 60 Stück und ich hatte nur 40 auf Lager. Kein Problem, sagte ich. Wenn ich heute bestelle, sind die fehlenden 20 in drei Tagen hier. Geht nicht, antwortete er: Wir brauchen die morgen. Übermorgen ist die Einweihungsparty. Er hatte einfach überhaupt nicht vorausgeplant. Es wäre für mich kein Problem gewesen, die Steine zu besorgen. Er ist dann zu einem anderen gegangen und hat Platten gekauft, die eigentlich farblich nicht passen, aber in der erforderlichen Stückzahl sofort lieferbar waren. Das ist für mich ein typisches Problem, durch das ich oft Umsatz verliere, weil ich natürlich nicht alles auf Lager haben kann.“

Ich selbst habe in den letzten Wochen Webdesigner und Webentwickler gesucht. Ich möchte mit WordPress und bestimmten Plugins arbeiten. Die Antwort lautete immer: „Wir machen das mit php.“ Dahinter versteckt sich in der Regel ein Template, dass sie den Kunden einfach immer als Eigenentwicklung verkaufen. Und es heißt dann faktisch: Take it or leave it. Warum sollte man sich die Mühe machen, etwas dazuzulernen. Das Angebot ist doch gut genug. Der Kunde soll sich doch bitte damit begnügen, was man liefert.

Für eine Party hat Gl. ein paar Hocker und einen Tisch gemietet. Als sie nach langer Suche, endlich eine kleine Firma gefunden hatte, stellt sich heraus, dass das im Paket kommt. Lieferung und Abholung sind inklusive und kosten 200.000 Gs. „Ja gut, sagt sie, aber es ist nicht viel. Ich kann das selbst transportieren.“ „Das geht nicht. Wir wissen ja sonst nicht, wohin das geht und wir kennen sie nicht.“ „Das verstehe ich.“ sagte Gl., „dann gebe ich Ihnen einfach eine Kaution zu ihrer Sicherheit und sie zahlen mir das zurück, wenn ich die Sachen zurückbringe.“ Er schaute sie wie vom Donner gerührt an und nach einer Weile antwortete er: „Wir machen das immer so. Es geht nicht anders.“  Neue Wege zu gehen, das fällt den meisten Paraguayern schwer. Außerdem muss man immer und für jede Kleinigkeit den Chef fragen, denn etwas zu entscheiden, dazu hat man normalerweise nicht das Mandat. Die paraguayische Flexibilität findet insofern allzu oft in zwei Umständen ihre Grenze: unternehmerisch zu denken und zweitens den Hierarchien.

Gestern Abend wollten wir ein Bossa Nova-Konzert in einem Kaffeehaus besuchen. Es war für 22.00 Uhr angekündigt. Bis 22.30 Uhr waren offenbar auch alle Musiker eingetrudelt. Dann wurde ewig herumprobiert und überlegt, wie man sich aufstellen könnte und irgendwann nach elf sind wir dann gegangen. Wir waren flexibel genug, auf das Konzert zu verzichten.

Musik in Asunción

Letzte Woche war Musik angesagt. Mittwochabend waren wir im Teatro Municipal Ignacio A. Pane im Zentrum Asuncións. Das ist ein historischer schöner Veranstaltungsort, der von außen nicht viel hermacht. Normalerweise gibt es dort die übliche örtliche Harfenmusik. Diesmal gab ein kostenloses Konzert des Orchestra Sinfónica del Congreso de la Nación. Ob mans glaubt oder nicht: Das gibt es auch in Paraguay und es gibt auch ein interessiertes Publikum, obwohl der Saal nicht gefüllt war. Sie fingen mit Beethoven an, dann stürmte ein verwegen aussehender Tenor namens José Mongelós auf die Bühne, gab der hübschen ersten Geigerin einen Handkuss und sang „Pourquoi me réveiller“ aus der Oper „Werther“ von Jules Massenet. Es ging dann weiter mit einer wirklich guten Sopranistin namens Jacquelin Cohen von Wagner über Puccini bis Verdi – kurz gesagt: ein Potpurri. Bis auf den Dirigenten aus Argentinien kommen alle Musiker aus Paraguay und sind blutjung, insbesondere auch die Solistin am Klavier. Es war ein schöner Abend und nach dem was ich den ganzen Tag so an Engstirnigkeit und Provinzialität im Büro erlebe, hat mir das schon gutgetan.

Ebenso hilfreich für mein Wohlbefinden war gestern der zweite Tag des ASU Jazz, einem lateinamerikanischen Jazzfestival, das ins zweite Jahr geht und durchaus das Zeug zu einem internationalen Geheimtipp hätte. Nachdem am späten Nachmittag nach Herzenslust mit Gitarren und Klavier herumimprovisiert wurde, ging es mit einer paraguayischen Sängerin und ihrer Band weiter, deren Zusammensetzung von Kuba bis Brasilien reicht und die Songs auf Spanisch, Guaraní und Portugiesisch sang, bis hin zum Bolero (Mónica E. Bolero Jazz). Dann spielte eine Band aus Chile namens Fran Mesko Técnica Mixta, die einheimische junge Rapper auf die Bühne holte und bei den Jüngeren im angenehm gemischten Publikum ungemein erfolgreich war. Es war oft ziemlich „Bluesig“ und ziemlich unbeeindruckt von Genres. Mit einem klassischen Jazz-Quintett mit Sax und Bass und allem ging es dann weiter und wir waren zu müde um bis zum Ende zu bleiben. Aber auch wenn ständig von Paraguay die Rede war, hatte ich endlich wieder einmal das Gefühl, in einer Stadt zu leben.

Mónica E. erzählte. während sie die Band vorstellte, dass sie seit 18 Jahren in Brasilien leben würde und dann wurde mir auch klar, warum die Musiker des Sinfonie-Orchesters alle so jung sind: Das Land ist klein. Um Erfolg als Musiker zu haben und sich weiter zu entwickeln reicht das einfach nicht.

Gedanken an den Tod

Tatiana aus Brasilien ist zu Besuch. Schon seit Jahren spricht sie davon, im Alter so eine Art „Shangri-La“-Hippie-Wohngemeinschaft zu gründen, dafür gemeinsam Häuser zu bauen irgendwo außerhalb von Belo Horizonte wo es Natur gibt und Platz sich gehen zu lassen. Wir werden uns zwar weder diese schönen Häuser, noch Pflegekräfte oder dergleichen leisten können und schon gar keinen Psychotherapeuten, den ich im Zusammenleben mit diesen lieben Freunden irgendwann mit Sicherheit brauchen würde. Mit einer Gruppe brasilianischer Freunde unterwegs zu sein verbraucht übrigens eine Unsumme an Geduldsfäden, weil ununterbrochen laut gequatscht und selten ein Schritt weiter gemacht wird – eigentlich wartet man ständig auf irgend jemand – und wir waren heute sogar im Mercado 4 – ein Wunder dass ich keinen verloren habe! Übrigens sucht Tatiana bewusst auch mitbewohnende Ärzte für ihre Alterswohngemeinschaft – Zahnärzte weniger, weil dann hat man wahrscheinlich schon keine solchen mehr.  In der Tat hat man aber in unserem Alter die Eltern schon verloren oder wird dies bald der Fall sein, spricht man mehr und mehr über irgendeine Krankheit und hat schon viele Leute gekannt, die nicht mehr auf dieser Welt herumgehen. Manuel, der ungefähr gleich alt ist wie ich, scheint hingegen auf dem Die-Welt-ist-wunderbar-packen-wir´s-an-ich bleibe-jung-Trip zu sein und da ist man eigentlich schnell abgetreten, wenn man z.B. bei 45 Grad Hitze in Asunción unbedingt meint, Tennis spielen zu müssen oder auf einer Tanzparty wie ein Teenager 9 Stunden rumzumachen. Einer meiner Schwäger wiederum – ebenfalls so alt wie ich – ist schon seit 9 Jahren mit gutem Auskommen pensioniert, beruflich nicht mehr in irgend einer Weise aktiv und dennoch ziemlich diszipliniert.

In Asunción begegne ich hin und wieder Rentnern aus Deutschland, die entschlossen sind, hier in der Sonne den Rest ihres Lebens in Wohlstand, Sicherheit („Deutschland ist ja unsicher geworden“) und Freiheit (Hier redet Dir keiner rein, wie Du Dein Haus baust“) ausklingen zu lassen. Auf der Botschaft habe ich allerdings von zunehmenden Fällen verarmter gestrandeter Deutscher gehört, die ein Ticket zurück zu Hartz IV benötigen. Es gibt auch einen mysteriösen „Klaus“, der erzählt, er hätte vor 20 Jahren in Deutschland eine Bank überfallen, sich mit erbeuteten Millionen von D-Mark hierher abgesetzt, Mühe gehabt, das ganze Geld in nur 10 Jahren zu verprassen, weil es hier ja so billig sei und hätte dann aber zurück nach Deutschland gekonnt, weil das Ganze verjährt gewesen wäre. Warum er jetzt hier Gruppen von Auswanderungswilligen herumfährt und dazu bringen will, sich in einer Siedlung Deutscher in der Nähe von Villa Rica anzusiedeln – und zwei davon habe ich selbst persönlich getroffen diese Woche, sodass ich das also erster Hand gehört habe – entzieht sich wiederum meiner Kenntnis. Nun ja wir gehen manchmal hier in Asunción in das Café am Parkplatz des für hiesige Verhältnisse ziemlich luxuriösen Supermarkts „Casa Rica“. „Rica“ sind eher die Kunden, wie eben die besagten deutschen Rentner und fahren auf dem gepflegten Parkplatz mit ziemlich teuren Autos herum und an den Bäumen dazwischen stehen Schilder, dass man auf herunterfalle Mangos aufpassen soll – damit weder das Auto noch man selbst irgendwie Schaden nehmen könnte.

Nun ja, neulich hatten wir in einer Firma in Lambaré einen Termin – meine berufliche Situation hat übrigens dahingehend eine Wendung genommen, dass ich hier weitermachen und wir also auch weiter hier leben werden – und hinter dem Firmengebäude gibt es eine große Wiese mit großen, schönen alten Bäumen, sodass man dort im Schatten parken kann. Meine Kollegin Leandra und ich steigen also aus und ich sage noch: „Gut, dass wir den Wagen im Schatten parken können.“ Und da knallt ein paar Zentimeter neben uns von ganz oben mitnichten eine Mango sondern eine ziemlich harte Kokosnuss auf den Boden – und zwar ohne Vorwarnung oder gar ein Schild wie auf dem Parkplatz des Casa Rica. Und ich denke, wenn die mich jetzt genau auf den Kopf getroffen hätte, wäre das ein ziemlich cooler Abgang gewesen.

Leibesfülle und Traumata

Gaziela war geschockt! Auf diesen Videos waren jede Menge übergewichtige Frauen zu sehen und die Kleidung war auch nicht unbedingt der Upper-Class Mexican way. Während sie selbst rank und schlank immer schick gekleidet offensichtlich viel Wert auf Etikette und Ausdrucksweise legt, lassen sich diese Frauen offenbar gehen und reden so, dass man sie nicht verstehen kann. „Es scheint, als ob man in Paraguay ein Problem mit Übergewicht hat“ sagte sie entrüstet und recherchierte das gleich im Internet. Nun, die Videos über bzw. aus dem Sektor, in dem ich arbeiten würde, hatte ich selbst recherchiert und wollte sie eigentlich im Spanischunterricht nutzen. Mein deutscher Arbeitgeber hatte mir großzügigerweise 4 Wochen Sprachtraining zur Vorbereitung auf den Einsatz spendiert. So weit so gut und einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Nur leider schleppte die Lehrerin Graziela scheinbar nicht nur Vorurteile gegenüber einfachen und übergewichtigen Leuten mit sich herum, sondern war als Sprachlehrerin für mich ein fataler Fehlschlag. Methodisch war sie in der Grammatik-Übersetzungsmethode der 70er Jahre stecken geblieben, überschwemmte mich mit Fotokopien aus diversen Lehrbüchern, die in der Regel schon viele Jahre auf dem Buckel hatten und die ich sowieso nicht hätte mit hierher nehmen können. Sie hakte alle Grammatikthemen in einem irren Tempo nacheinander ab und vor allem korrigierte sie mich sofort und heftigst bei jedem und zwar absolut jedem Fehler, sei er gravierend oder nicht. Auf diese Weise kam ich kaum dazu, einen Gedanken zu Ende zu fassen, geschweige denn auszusprechen und hatte sehr bald überhaupt keine Lust mehr, überhaupt noch etwas zu sagen. In das Sprachtraining war ich mit einem gesunden Selbstbewusstsein mein Spanisch betreffend hineingegangen, wurde von ihr aber derart verunsichert, dass ich selbst jetzt, 4 Monate später, manchmal durch ihre Schuld noch ins Stocken gerate. Aus irgendeinem Grund glaubte Graziela mir zeigen zu müssen, dass ich schlimme unakzeptable Fehler machen würde und weit davon entfernt sei, fließend sprechen zu können. Statt mich aufzubauen, mir Selbstvertrauen und Lust zum eigenständigen Weiterlernen zu geben, hatte sie mir den Spaß am Spanischen gründlich ausgetrieben und mich tief verunsichert. Das ärgert mich bis heute. Glücklicherweise hatte ich nachmittags zusätzlich ein paar Stunden mit einem erfahrenen Lehrer aus Bolivien und einer netten Lehrerin aus Chile, die mir beide ehrlich helfen wollten und mich darin bestärkten, dass ich durchaus ein Meeting durchstehen und eine Präsentation auf Spanisch geben könnte und die das mit mir durchspielten und mir versicherten, dass ich das Leben hier bewältigen werden würde. Danke Euch Beiden!! Nun ja, im wahren Leben hier in Paraguay werden Fehler gemacht, die Graziela sicher schockierend finden würde. Das Perfekt wird eigentlich gar nicht benutzt und manche Präpositionen werden einfach weggelassen. Unvermittelt wird ständig mitten in den Satz ein „verdad?“ eingestreut und man verbiegt das „Castellano“ irgendwie so, dass es auch zum Guaraní passt. Und wenn mindestens 50 % der Paraguayer das machen, dann ist das eben auch grammatisch. Graziela hin oder her. Und genau so ist es auch akzeptabel, dass man eher rund als eckig ist. Es hat sicher auch etwas mit den Genen zu tun, aber die Mengen an Empanadas und Fleisch, die hier verspeist werden, immer mit Maniok und anderen Kohlehydrat-heftigen Speisen tragen bestimmt auch dazu bei.

Werbung und Vorurteile kolportieren freilich auch hier in Paraguay das Bild von schlanken Frauen als attraktiv. Übergewichtige werden diskriminiert, obwohl sie die Mehrheit sind. Ob der Realität wird Widerstand zur Pflicht: Miss Gordita! Das ist ein Wettbewerb für „traditionally built women“, wie ihre botswanischen Counterparts von Ma Ramotswe in den köstlichen Krimis von Alexander McCall Smith leib- und liebevoll genannt werden. Hunderte bewerben sich jedes Jahr und kommen dann zur Wahl nach Asunción und viele von ihnen haben als Berufswunsch „Mannequin“. Der Fotograf Jean-Jérôme Destouches hat für den Spiegel sehenswerte Fotos mit diesen mutigen entschlossenen Frauen gemacht.

Politik

Paraguayische Politik kann man kaum als Außenseiter verstehen und wie so oft sollte man sich hüten, nach dem Anschein zu gehen oder vollmundige Reden für bare Münze zu nehmen. Nach drei spannungsgeladenen Wochen sind die Campesinos, die vor dem Nationalkongress ein Protestcamp errichtet hatten, erst einmal abgezogen. Regelmäßig hatten sie demonstriert, Barrikaden errichtet, angezündet und Straßen gesperrt, um Ihre Forderungen durchzusetzen. Es gab harte Kämpfe mit der Polizei. Worum es genau ging, habe ich nicht wirklich umfänglich verstanden. Außerdem wollen sie am 29. September zurückkommen. Sie würden erst einmal in ihre Häuser zurückkehren um sich auszuruhen. Nun ja: Es geht ums Geld. Viele Kleinbauern sind verschuldet, können nicht zahlen und werden daher möglicherweise ihr Land verlieren. 2,6 Millionen Kleinbauern leben in Paraguay noch in ländlichen Regionen, kämpfen gegen Landkonzentration und besitzen nach 6% der landwirtschaftlichen Fläche.

Im April 2016 hatte man offenbar nach ebenfalls harten Auseinandersetzungen eine Vereinbarung mit der Regierung erreicht, nach der ca. 18.000 Kleinbauern ihre Schulden refinanziert bekommen sollten. Die Bauern beklagten sich seinerzeit, dass die vom Landwirtschaftsministerium verteilten Samen beschädigt, versprochene technische Hilfe nie angekommen und bei Verkauf der Ernte, die Marktpreise höher als erwartet gewesen wären. Das hätte es unmöglich gemacht, ihre Schulden zu begleichen. Neue Gesetze zur Unterstützung der Kleinbauern hätten sich als leere Versprechen herausgestellt gehabt. Eine Liste mit Bauern sollte erstellt werden, die weniger als 30 Hektar besitzen und nicht mehr als 51 Millionen Guaranies Schulden haben, das entspricht ca. 25 Monatsgrundeinkommen. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite wurde plötzlich von Zigtausenden von Bauern, 163 Millionen Doller und 25% des Staatshaushalts geredet, das diese Subventionen kosten würden. Und der Präsident Horacio Cartes hat mit diesen Zahlen ein Veto eingelegt und eine Einigung blockiert. Vor allem die deutschstämmigen Landwirte ärgern sich darüber, dass die Campesinos Subventionen und Schuldennachlässe verlangen, mit dem Argument, sie hätten nur durch harte Aufbauarbeit Erfolg und ihnen wäre auch nichts geschenkt worden. Einer von den Anführern der Campesinos in Asunción sei offiziell Angestellter von der Alkoholfabrik in Petropar und beziehe Millionen an Bezüge durch den staatlichen Betrieb. Das sei nur ein Beispiel, wie die Bauernbewegung verlaufe. Außerdem fragen sie, wie – oder vor allem wer – man Hunderte von Bauern finanziert, die wochenlang im Stadtzentrum kampieren. Und welche Rolle spielt eigentlich die kommunistische bewaffnete Guerilla-Bewegung Ejército del Pueblo Paraguayo (EPP)? Also ich muss passen.

Zermürbung

Am Wochenende waren wir in Ybycui. Das ist ein landschaftlich schöner Nationalpark mit kleinen Wasserfällen nur ca. 120 km von Asunción entfernt. Nichts besonders Aufregendes, aber gut, einmal aus der Stadt heraus zu kommen und eine einfache Posada gab es auch, wo wir eine Nacht verbringen konnten. Nicht so gut ist, dass die Fahrt dorthin ca. 3 Stunden dauert und Autofahren hier in und vor allem um Asunción herum ziemlich am Nervenkostüm rüttelt, es sei denn, dass man kein Problem damit hätte, am Unfall oder gar Tod eines Motorradfahrers beteiligt gewesen zu sein. Außerdem hatten wir ein paar Minuten das Einsprühen mit Insektenschutzmittel vergessen und unsere Beine sehen aus wie geographische Gebirgslandkarten. Die Erholungsbilanz war insofern etwas gemischt. Als ich anderntags früh aufstand, ins Bad ging, dasselbe wieder verließ und das Licht ausschalten wollte, ging das plötzlich nicht mehr. Der Schalter steckte fest. Über Nacht stand die Küche plötzlich unter Wasser. Die Türklappe des Küchenschranks hatte ich auf einmal zur Hälfte in der Hand und musste Gl. laut um Hilfe rufen, um festzuhalten, bis ich einen Schraubenziehen gefunden hatte, um das zweite Schloss abzuschrauben, bevor das auch noch abbrechen konnte. Wir haben zwar drei Toiletten, können zumindest eine davon jedoch nur für kleinere Geschäfte nutzen, weil 1 oder 2 mit Größerem überfordert und sofoert komplett verstopft wären – und zwar ohne Toilettenpapier. Die Spülmaschine ließ ebenfalls Wasser unter sich und ist vor Tagen daher „zum Testen“ mitgenommen worden. Der Schalter für die Alarmanlage, die wir nie einschalten, war plötzlich mit dem Garagentor unten verknüpft bzw. umgekehrt und es setzte sich bei der Nutzung des Öffners oder des Alarmschalters jeweils das andere Elektrogerät lautstark in Gang. Nachdem es letzten Monat zwei Tage kälter gewesen war, hatte plötzlich die Haustür geklemmt. Die Wandschränke klemmten schon beim Einzug, weil die Türen zu schwer und überdimensioniert waren. All das und noch viel mehr musste gerichtet werden. Auf diese Weise mürbt das nun schon seit Langem so vor sich hin. Da wir eine sehr hohe Miete zahlen, reagiert der Vermieter auch in der Regel. Das ist positiv. Allerdings ändert sich dadurch ja nicht die Mentalität oder Arbeitsmoral der Handwerker. Es wird ein Termin ausgemacht. Sie kommen dann eventuell irgendwann plötzlich vorbei. Traditionell wird vor dem Haus einfach in die Hände geklatscht. Da wir in einem Mietshaus wohnen, haben sie immerhin ein Einsehen und rufen auf dem Handy an, dass sie unten ständen. Dann wird irgendetwas gemacht und sie müssen wiederkommen oder ein anderer wäre zuständig etc.. Der Abfluss der Spüle, der für die Überschwemmung der Küche verantwortlich war, wurde bereits 3mal repariert. Es ist freilich nicht so, dass das unter Service oder Garantie laufen würde, sondern wird ganz normal dreimal berechnet und ohne Murren vom Vermieter auch dreimal bezahlt. Da ich sehr viel Zeit auf Arbeit verbringe, kenne ich die Kommunikationsprobleme sehr gut und dass man Termine ständig spontan verschiebt: „Oh, jetzt bin ich in der Nähe, das könnte ich jetzt erledigen.“ Mit den Handwerkern muss sich aber Gl. herumschlagen, da sie von zu Hause über das Internet (Ojeh!) arbeitet. Gestern war sie wieder einmal mit den Nerven am Ende: „Ich habe das Gefühl, dass ich mein Leben mit dem Warten auf Handwerker verbringe und mich dann mit Ihnen rumstreiten muss und dann reden sie auf Guaraní und ich kann überhaupt kann ich keinen Plan mehr machen oder irgend etwas organisieren!“ Es ist in der Tat nicht unbedingt so, dass man aufgrund der fremden Kultur oder Befremdlichem, das einem so zustößt einen Kulturschock bekommt. Das gibt es freilich auch, vor allem wenn man offenbar etwas Falsches gesagt hat und plötzlich alle beleidigt reagieren. Damit kann man aber irgendwie umgehen, so nach dem Motto zu sich selbst zu sagen: „Okay, Du bist hier fremd. Die Leute verhalten sich anders. Da musst du Dich anpassen und dazulernen: Calm down.“ Aus früheren langen Auslandsaufenthalten wusste ich, dass einen nicht die Kulturschocks sondern der Alltag zermürbt. Die mangelnde Infrastruktur, die Ignoranz gegenüber Problemen von Fremden, das Nicht-an-Morgen-Denken und eben die alltäglichen Widerwärtigkeiten des Lebens. Man nimmt dies in der Fremde viel stärker wahr – selbstverständlich gibt es unzuverlässige Handwerker auch in Deutschland. Dort kämpfen die Expats aber eher mit der Rechthaberei, der Gründlichkeit und Intoleranz gegenüber Unpünktlichkeit, dem Empfinden, dass die Leute eher um Ihre Pläne bemüht sind, als an Menschen interessiert. Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Auslandseinsätzen vor allem die mitausgereisten Partner der Expats leiden – unter sozialer Isolation, weniger Vorbereitung, logischerweise größeren Problemen, sich beruflich zu etablieren und in Entwicklungsländern wie Paraguay der Zermürbung durch die Alltagsprobleme und niedrigeren Standards bwz. fehlender Infrastruktur. Das positive Gegengewicht, sommerliches Klima, Gelassenheit, freundliche Menschen, können wir persönlich bislang nicht wirklich bestätigen. Da sich meine berufliche Situation bis heute nicht geklärt hat, und zunehmend schwierig gestaltet, fragen wir uns, warum tun wir uns das an bzw. frei nach Bruce Chatwin zunehmend: „What am I doing here?“ Aber so schnell gibt man ja nicht auf, nicht?

Ach so der, ja sowieso genau

Wir bekommen bald Besuch aus Brasilien und Gl. hat über AirBnB eine Wohnung gesucht für ein paar Tage. Nachdem wir um die Ecke eine Baustelle besichtigt haben, („sehr schön, aber nein danke, wir melden uns“) geht sie allein los um sich ein anderes Angebot anzuschauen. Nach ca. 2 Stunden ist sie wieder zurück und um eine vollständige Lebensgeschichte reicher. Bei der Vermieterin handelt es sich um eine Architektin, die in der Nähe des Krankenhauses und des dazugehörigen „Gesundheitsparks“ ein sehr schönes großes Haus für Ihren Mann, sich und drei Kinder erworben hatte. Nein, das hätte sie nicht selbst gebaut, aber wo wir denn wohnen würden, fragte Frau Margaretha. Ach, dort! Ja klar, das Haus hätte Ihre Kollegin, Frau Oviedo, entworfen und ja, gut, die Qualität sei nicht so gut, aber die Gegend ja wunderbar und sie würde auch zunehmend in Carmelitas nachgefragt. Über die lokale Architekturszene ist man insofern schnell kundig geworden. Und dann erfuhr Gl. die ganze Geschichte, wie es mit dem Mann und der Familie von Margaretha weiterging und viele andere Dinge eher privater Natur. Eine ausländische Psychotherapeutin würde fehlen in Asunción, weil sich ja alle kennen würden und wenn man zu einer einheimischen Therapeutin gehen würde, wüssten das alle sofort. Das leuchtet ein.  Innerhalb von 2 Stunden erfuhr Gl. ein gutes großes Stück der Lebensgeschichte von Frau Oviendo. Und dann hat Margaretha noch die Geschichte von den 8 Holländerinnen erzählt, die alle über AirBnB im Haus zur Verfügung stehenden komfortablen Zimmer – jedes hat selbstverständlich ein eigenes Bad – für 4 Wochen gemietet hätten. Sie hätten in Luque als internationale Helferinnen einer lokalen NGO ein Haus für die Armenhilfe gebaut – und dabei sehr viel Spaß gehabt und jede Menge Grillabende organisiert. Acht Freundinnen in einem tropischen warmen Land – bewusst ohne Ehemänner oder dergleichen. Ob die mittlerweile auch schon jeder kennt, entzieht sich meiner Kenntnis, ist aber anzunehmen. So ist das hier in Paraguay.